Warum schießen wir eigentlich auf einen Holzadler?

20.08.2026

Geschichte zum Adlerschießen

Wenn beim Schützenfest im Stadtpark der Holzadler seinen Platz einnimmt, beginnt für viele Schützen und Besucher einer der spannendsten Teile des Festes. Mit Armbrust und Bolzengeht es zunächst auf die Insignien und einzelnen Teile des Adlers – bis am Ende die große Frage beantwortet wird: Wer holt den Adler herunter und wird neuer Schützenkönig?

Für viele Cloppenburger gehört das Adlerschießen heute so selbstverständlich zum Schützenfest wie der Festumzug und der Stadtpark. Dabei ist diese Tradition bei uns noch gar nicht so alt.

Erst 1973 entschieden sich die Cloppenburger Schützen ganz bewusst für die Einführung des Adlerschießens.

Eine wegweisende Entscheidung im Jahr 1973

Wie sehr die Cloppenburger schon damals an ihrem Schützenfest hingen, zeigte sich bei der Generalversammlung im Jahr 1973. Außergewöhnlich viele Mitglieder waren erschienen, denn auf der Tagesordnung stand eine Entscheidung, die das Königsschießen grundlegend verändern sollte.

Hauptpunkt war die Frage, ob künftig auf einen Adler geschossen werden sollte.

Vor der Abstimmung wurde den anwesenden Schützen die Möglichkeiten zur Durchführung eines solchen Adlerschießens erläutert. Unterstützung kam dabei von den Löninger Schützen: Für den Fall einer positiven Entscheidung hatten sie angeboten, den Cloppenburgern ihre gesamte Anlage für das Adlerschießen samt Bedienungspersonal zur Verfügung zu stellen. Eine Geste, die in der Versammlung großen Beifall fand.

Für das Adlerschießen sprach vor allem ein Gedanke: Das Königsschießen sollte für möglichst viele Schützen offen und gleichzeitig für die Zuschauer unmittelbar erlebbar sein.

Als schließlich abgestimmt wurde, fiel die Entscheidung ausgesprochen deutlich aus: Mit nahezu fünffacher Mehrheit sprachen sich die Cloppenburger Schützen für die Einführung des Adlerschießens aus.

Damit war eine Entscheidung getroffen, die unser Schützenfest bis heute prägt.

Aber warum gerade ein Holzadler?

Das Vogelschießen selbst ist wesentlich älter als unsere Cloppenburger Tradition. Das Schießen auf einen hölzernen Vogel ist eine historisch gewachsene Form des Wettbewerbs im Schützenwesen. Häufig wird dafür ein Adler verwendet, der seit Jahrhunderten unter anderem für Stärke und Würde steht.

In Cloppenburg entschied man sich 1973 jedoch nicht allein aus Traditionsgründen für diese Form des Königsschießens.

Ein entscheidender Vorteil lässt sich noch heute bei jedem Schützenfest beobachten: Das Adlerschießen macht den Wettbewerb und schließlich auch die Entscheidung für alle sichtbar und unmittelbar erlebbar.

Bei einem Scheibenschießen entscheidet am Ende das Ergebnis auf der Zielscheibe. Beim Adlerschießen dagegen können die Menschen rund um den Schießstand verfolgen, wie der Adler Treffer um Treffer einstecken muss und die Entscheidung immer näher rückt.

Genau das war bereits 1973 eines der Argumente für die Einführung.

Mit Armbrust und Bolzen auf den Adler

Eine Besonderheit unseres Adlerschießens ist die Art, wie der Holzadler zu Fall gebracht wird: Geschossen wird mit einer Armbrust und Bolzen.

Bevor es allerdings um die eigentliche Königswürde geht, müssen zunächst verschiedene Teile und Insignien des Holzadlers abgeschossen werden.

Dazu gehören Krone, Zepter und Reichsapfel, eine Schwinge sowie der Stoß, wie das Schwanzgefieder des Adlers bezeichnet wird.

So geht es dem Adler im Laufe des Wettbewerbs buchstäblich Stück für Stück an den Kragen.

Für die Zuschauer lässt sich dadurch sehr gut verfolgen, wie das Adlerschießen voranschreitet. Jedes Teil, das fällt, sorgt für einen kleinen Höhepunkt, und auch für einen Orden für denjenigen, der es abgeschossen hat – und gleichzeitig rückt die entscheidende Phase immer näher.

Wer darf wann schießen?

Auch die Reihenfolge wird nicht einfach vorher festgelegt. Am Tag des Adlerschießens wird ausgelost, in welcher Reihenfolge die einzelnen Züge antreten.

Damit entscheidet das Los darüber, welcher Zug den Anfang macht und wie die weiteren Züge folgen.

Innerhalb dieser festgelegten Reihenfolge wird Runde für Runde weitergeschossen. Gerade darin liegt ein Teil des besonderen Reizes: Niemand weiß vorher, bei welchem Zug oder welchem Schützen eine Insignie oder ein Teil des Adlers fallen wird.

Und erst recht weiß niemand, bei wem später der entscheidende Königsschuss fällt.

Dann geht es um die Königswürde

Sind Krone, Zepter und Reichsapfel, die Schwingen und der Stoß gefallen, richtet sich schließlich alles auf den verbliebenen Adler.

Nun geht es um die Königswürde.

Runde für Runde fliegen die Bolzen auf den Holzadler. Mit jedem Treffer wird das Holz weiter geschwächt – und mit jedem Schuss steigt die Spannung im Stadtpark.

Jetzt zeigt sich besonders gut, was Hauptmann Kleene schon 1973 meinte, als er davon sprach, dass das Volk „direkter Zeuge“ sein könne.

Denn irgendwann stellt sich rund um den Schießstand bei jedem Schützenfest die gleiche Frage:

Wie lange hält er noch?

Noch eine ganze Runde? Noch fünf Schüsse? Oder fällt der Adler schon beim nächsten Treffer?

Niemand kann es genau vorhersagen.

Und dann kommt der eine Bolzen, der die Entscheidung bringt: Der Adler fällt.

Der Schütze, dem dieser entscheidende Treffer gelingt, erringt die Königswürde und ist unser neuer Schützenkönig.

Eine Auswertung im Hintergrund ist nicht notwendig. Schützen und Zuschauer wissen in diesem Moment sofort: Die Entscheidung ist gefallen.

Was 1973 begann, ist heute Tradition

Mehr als fünf Jahrzehnte sind inzwischen vergangen, seit sich die Cloppenburger Schützen mit großer Mehrheit für das Adlerschießen entschieden haben.

Was damals eine grundlegende Neuerung unseres Königsschießens war, ist heute aus dem Schützenfest im Stadtpark kaum noch wegzudenken.

Generationen von Schützen haben seitdem mit Armbrust und Bolzen auf Krone, Zepter und Reichsapfel, auf Schwinge und Stoß und schließlich auf den Adler selbst geschossen.

Und noch heute erfüllt das Adlerschießen genau den Zweck, den seine Befürworter bereits 1973 darin sahen: Viele können um die Königswürde kämpfen – und alle können die Entscheidung unmittelbar miterleben.

Wenn sich beim nächsten Schützenfest im Stadtpark also wieder zahlreiche Schützen und Besucher rund um den Schießstand versammeln und gespannt auf den Holzadler schauen, wird eine Tradition fortgeführt, für die sich die Cloppenburger Schützen vor mehr als 50 Jahren ganz bewusst entschieden haben.

Und trotz aller Tradition, Regeln und festgelegten Abläufe bleibt dabei jedes Jahr eine Frage vollkommen offen:

Welcher Bolzen bringt den Adler zu Fall – und wer wird unser neuer Schützenkönig?

Text & Fotos: Carolin Tegeler

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